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Signatur: Xyl. 1-42
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Blockbücher
 
 
 Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft
 
Mittelalterliche Blockbücher erfreuen sich bei Büchersammlern und Bibliothekaren einer einzigartigen Wertschätzung. Sie gehören zum seltensten und damit wertvollsten Sammelgut, das aus konservatorischen Gründen dem Blick der Öffentlichkeit und sogar dem der Wissenschaft weitgehend entzogen bleiben muß. Weltweit sind nur rund 600 Exemplare nachweisbar. Mit 42 Exemplaren verfügt die Bayerische Staatsbibliothek über die zweitgrößte Sammlung nach der Bibliothèque Nationale in Paris; in Privathand befinden sich wohl nur sehr wenige. Nur zwei Exemplare wurden in den letzten Jahrzehnten zum Kauf angeboten; der Preis bewegte sich beide Male in Millionenhöhe.
 
Der Reiz der Blockbücher liegt in sowohl in der einzigartigen Herstellungstechnik als auch in ihrem reich bebilderten Inhalt. Bereits im 15. Jahrhundert wurden Blockbücher im Holzschnittverfahren hergestellt, in einer Technik also, die es noch vor Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen, aus Metall gegossenen Lettern erlaubte, längere Texte mit Illustrationen zu vervielfältigen. Text und Bild wurden zusammen in eine Holztafel geschnitten. Eingefärbt wurde der Druckstock nicht mit Druckerschwärze, sondern mit Leimfarbe. Der Abzug wurde nicht in der Druckerpresse, sondern im Reiberdruckverfahren hergestellt. Dabei konnten die Blätter oft nur auf einer Seite bedruckt werden.
 
Blockbücher enthalten Bildtexte, d.h. Texte, die nur in engem, unlösbarem Zusammenhang mit Illustrationen zu verstehen sind. Religiöse Themen dominieren: Die Biblia pauperum vermittelt Grundkenntnisse biblischer Stoffe in visueller Gegenüberstellung von Altem und Neuem Testament; das Hohelied behandelt allegorisch das Verhältnis Christi zur Kirche; die Ars moriendi und der Totentanz lehren das richtige christliche Sterben; die Johannes-Apokalypse bereitet ebenso wie das Leben des Antichrist den Betrachter auf das Weltenende und auf das Jüngste Gericht vor. Vielfach wurden die Texte sowohl in lateinischer als auch in deutscher Sprache gedruckt und waren so als Lesestoff auch für Nicht-Theologen geeignet. An ein breiteres Publikum wandten sich Blockbücher mit weltlichen Stoffen wie die Handlesekunst des Münchners Johann Hartlieb, der Kalender des Nürnbergers Johannes Regiomontanus und ein anonymer Pilgerführer für Rom.
 
Praktische Fertigkeiten sollte auch die Ars memorandi vermitteln. Sie wendet sich an Leser, die Latein beherrschen und zumindest über theologische Grundkenntnisse verfügen. Das Blockbuch soll sie in die Lage versetzen, sich den Text der vier Evangelien mit Hilfe von Bildern einzuprägen. Bild und Text sind auf gegenüberliegenden Seiten dargeboten: Der Text auf der linken Seite enthält jeweils eine kurze Übersicht über einige Kapitel aus einem Evangelium (hier Matthäus 19-24). Die rechte Seite wird von einer ganzseitigen Darstellung des Symbols des jeweiligen Evangelisten eingenommen (hier der Engel für Matthäus), umgeben von Gegenständen, die jeweils Schlüsselwörter des zugehörigen Bibeltextes verbildlichen.
 
Blockbücher stellen die Wissenschaft bis heute vor viele Rätsel. Ungeklärt ist noch immer, wann und wo sie entstanden sind. Wegen ihrer "archaischeren" Herstellungstechnik galten sie lange als Vorläufer der Erfindung Gutenbergs; inzwischen neigt man aber zu der Auffassung, daß beide Reproduktionsverfahren nebeneinander existierten. Ein entscheidender Vorteil der Blockbücher war, daß die Druckvorlagen über längere Zeit aufbewahrt werden konnten, während der Typensatz nach Abschluß des Drucks aufgelöst werden mußte; die Lagerung wäre zu aufwendig gewesen. Von den Blockbüchern konnte dagegen je nach Bedarf ein neues Exemplar hergestellt werden - ein Verfahren, das dem heutigen "publishing on demand" vergleichbar ist. Auch wenn sich heute viele Blockbücher in ausländischen Bibliotheken befinden, so führen doch mannigfaltige Spuren in den süddeutschen Raum. Vieles spricht dafür, daß Blockbücher im 15. Jahrhundert vor allem in dieser Region hergestellt wurden.
 
Zustand vor der Restaurierung:
Die gesamte Blockbüchersammlung der Bayerischen Staatsbibliothek wurde im 19. Jahrhundert in gleichartige rote, mit Goldstempeln verzierte Ledereinbände gebunden. Diese Einbände befinden sich in gutem Zustand. Der Buchblock mit dem Text und den bildlichen Darstellungen allerdings ist bei 39 der insgesamt 42 Blockbücher zum Teil massiv beschädigt. Zwei unterschiedliche Schadensursachen sind auszumachen:
  • Farbfraß in den kolorierten Darstellungen, vorzugsweise in den grünbemalten Bereichen, ein chemischer Prozeß, der den Trägerstoff Papier zerstört.. Im Endstadium brechen ganze Partien der kolorierten Darstellungen aus. In den Blockbüchern ist er unterschiedlich weit fortgeschritten, vom Durchschlagen der grünen Farbe bis zum beginnenden Ausbruch von Farbpartien.
  • Sollbruchstellen, die wohl von alten Reparaturen im Zusammenhang mit der Bindeaktion im 19. Jahrhundert herstammen. Die Risse im Papier wurden damals mit festem Papier geschlossen, die Fälze teilweise mit Streifen ebensolchen Papiers verstärkt. Die Folge sind Spannungen an den Nahtstellen zum ursprünglichen, unverstärkten Blatt, die sich vor allem beim Umblättern verhängnisvoll auswirken. Das Papier ist an diesen Stellen bereits vielfach gebrochen oder droht einzureißen. Einzelne Blätter sind bereits lose. Die Benützbarkeit der Blockbücher ist dadurch in hohem Maße eingeschränkt.
 
Notwendige Maßnahmen:
  • Der Farbfraß ist durch ethanolisches Entsäuern mittels einer feinen Sprühvorrichtung zu stoppen. Im Vorfeld sind die verschiedenen Tinten und Farben auf ihre Verträglichkeit mit der alkoholischen Lösung zu prüfen und zu testen.
  • Risse und potentielle Ausbruchstellen im Papier sowie lose Blätter müssen mit feinem Japanpapier geschlossen bzw. gesichert werden.