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Signatur: Clm 14439
Briefsammlung des Petrus de Vinea
 
Handschrift, kopiert 1317 an der päpstlichen Kurie
 
Herkunft: Säkularisationsgut, ehemals Teil der Klosterbibliothek St. Emmeram in Regensburg
 
Buchpatin: Else Zeltner, München
 
Historisches Umfeld:
Die Handschrift wurde 1317 unter Papst Johannes XXII. an der päpstlichen Kurie von einem Hermannus de Baden kopiert, der sonst nicht bekannt ist. Sie enthält die von Petrus de Vinea im Dienste Kaiser Friedrichs II. verfaßten Briefe, Urkunden und Mandate.

Petrus de Vinea war bald nach 1220 Notar in der Kanzlei Friedrichs II. geworden, war vermutlich schon seit 1224 als Verfasser kaiserlicher Schreiben tätig und wurde schließlich 1243 Pronotar, d.h. Kanzleichef und damit einer der mächtigsten Männer am Hofe. 1249 wurde er, vom König des Verrates und Bestechlichkeit beschuldigt, verhaftet und geblendet. Bald darauf starb er.

Seine Briefe wurden wohl schon um 1270 zu einer Sammlung zusammengefaßt, die im Mittelalter in verschiedenen Fassungen weit verbreitet war. Vor allem die Privatbriefe vermitteln einen lebendigen Eindruck vom geistigen Klima des Stauferhofes. Bis ins 18. Jahrhundert diente die Sammlung den Kanzleien vieler bedeutender Höfe und Klöster als formales und inhaltliches Vorbild.

Die hier vorliegende Handschrift gehörte einst zur Bibliothek des Benediktinerklosters St. Emmeram in Regensburg. 1811, im Zuge der Säkularistion, kam sie nach München. Sie zeigt interessante Gebrauchsspuren: Am Textbeginn steht der Vermerk Est liber prohibitus, ein Hinweis darauf, daß die Handschrift zu den "verbotenen" zählte. Grund ist wohl die gelegentlich antipäpstliche Tendenz der Briefe. Einem Eintrag auf dem Vorderspiegel ist zu entnehmen, daß die Handschrift am 28. März 1516 an Philipp Tantzer, den Sekretär des Bischofs von Passau, ausgeliehen wurde.
 
Einband:
Die restaurierungsbedürftige Handschrift ist ein zu einem Drittel mit Leder bezogener Holzdeckelband mit festem Rücken, erhabenen Bünden und einer Riemenschließe. Die gut erhaltenen Deckel aus Buchenholz tragen an drei Seiten gerade, an der Innen- und Außenseite leicht gebrochene Kanten. Die äußeren Falzkanten sind facettiert, die Ecken leicht abgestoßen. Einige wenige Austrittslöcher von Anobien.

Der Bezug besteht aus weißem Schweinsleder, das mit Blindprägung im gotischen Dekor versehen ist. Die Bezugsfläche ist durch breite, beidseitig gerahmte Blindlinien umrandet und die entstandene Fläche diagonal geteilt. An den Kreuzungspunkten der Linien sind gotische Rosen aufgeprägt. Je eine weitere Rose steht im oberen und unteren Feld. Die Bundkonturen sind mit Blindlinien nachgezogen. Der Übergang zwischen Bünden und Deckeln ist mit einer halben gotischen Rose verziert. Das Bezugsleder ist leicht berieben und verschmutzt. Aufgrund einer Verhärtung im Rückenbereich hat sich das Leder zusammengezogen und bietet nicht mehr genügend Raum für den Buchblockrücken.

Auf dem Rückenbezug kleben diverse Signaturschilder. Im ersten Rückenfeld ein handschriftliches Titelschild, im zweiten ein altes und ein aktuelles Signaturschild der Bayerischen Staatsbibliothek über einem blauen Papierschild mit einer nicht mehr vollständig lesbaren Zahl, im dritten ein aktuelles Signaturschild, im vierten ein Schild mit der Aufschrift E.LXII, vielleicht die Signatur der Bibliothek des Klosters St. Emmeram. Die Schilder sind durch die Bewegung des Rückens zum Teil gebrochen und an den Rändern lose.

In der Mitte der Vorderkante eine intakte, aus Messing gefertigte Riemenschließe in rechteckiger Form. Die Verzierung des haltenden Teils zeigt den Ausschnitt eines Spruchbandes, der greifende trägt ein Akanthusblatt. Die eisernen Befestigungsnieten weisen Rostspuren auf.
Die hintere obere Deckelkante trägt eine Öse aus Eisen, die zur Befestigung des Codex an einer Kette diente. Die Handschrift war demnach, ihrem Wert entsprechend, ein Liber catenatus.
 
Heftung und Hinterklebung:
Rundbogenheftung auf drei erhabene Wildlederbünde, letztere in Rückenbreite geteilt, so daß Doppelbünde entstanden. Um die Bünde ganz zu bedecken, wurden sie zwischen den Lagen zusätzlich umwickelt. Die Bundenden sind in Vertiefungen auf der Außenseite der Deckel mit jeweils zwei Pflöcken befestigt. Als Hinterklebung dient Pergament, das zwischen den Bünden liegt und auf die Innenseite der Deckel reicht.
Hinterklebung und Bünde haben sich komplett von den Lagen gelöst. Sie geben den Blick frei auf alte Heftlöcher, die bei einer Neuheftung nicht wieder verwendet worden waren, d.h. der Band war ursprünglich anders eingebunden. Ein anderer Band aus dem Kloster St. Emmeram mit fast identischem Aussehen erlaubt den Schluß, daß die Bücher in der Klosterbibliothek einheitlich gebunden wurden.
 
Vorsätze und Buchblock:
Auf der Deckelinnenseite ein Spiegelblatt aus Büttenpapier ohne Verbindung zum Buchblock. Der vordere Spiegel trägt in brauner Tinte folgenden Besitzvermerk:

Liber iste pertinet ad Insigne Monasterium Sancti Emmeranii Ratispone. Ordinis domini Benedicti ad se(dem) ap(ostolicam) in mediate spectatem Comodatus mihi Philippo Tannger Secretario Reverendissimi domini patris quem recepi 28 Marii 1516. Oro ut eidem Monasterio restituatur si eundem ad alium pervenire contiget.

Der Buchblock besteht aus Schreibpergament mit samtiger Oberfläche. Der Text ist mit schwarzer Tinte geschrieben, die Überschriften und ein Teil der Initialen ebenfalls in Rot, jede zweite Initiale in Blau. Die Anfänge der einzelnen Werkteile sind zusätzlich mit rotblauen Zierinitialen geschmückt.
Die Blätter 1-74 sind foliiert. Nach Folio 74 ist eine Seite herausgeschnitten.Um die erste und die letzte Lage war wohl je ein Einzelblatt mit kurzem Falz gehängt. Auch diese Blätter wurden herausgetrennt, so daß nur kurze Fälze stehenblieben.
Die erste Seite trägt über dem Textbeginn den Bleistiftvermerk Est Liber Prohibitus. Die Handschrift war also, wegen ihres papst- und kirchenkritischen Inhalts, nicht für jedermann zugänglich.
Am unteren Rand von Folio 9r und 10r Spuren mechanisch entfernter Schriftzüge.
Der Buchblock ist insgesamt in gutem Zustand, lediglich das erste und das letzte Blatt sowie der Schnittbereich sind leicht verschmutzt. Eine weitere Beeinträchtigung sind die Stempel der Bayerischen Staatsbibliothek auf Folio 1r und 74v.
 
Restaurierungsgrund:
Eine flüchtige Inaugenscheinnahme vermittelt den Eindruck eines nicht allzu schlechten Zustandes. Die Pergamentblätter sind gut erhalten, lediglich die Heftung ist nicht intakt. Weiterhin liegt der Einband in einem Stück vor, d.h. die Gelenke sind nicht gebrochen, sonst einer der häufigsten Einbandschäden. So könnte es auf den ersten Blick ausreichend scheinen, das Buch durch eine Kassette zu schützen. Genauere Betrachtung aber zeigt, daß sich das Rückenleder zusammengezogen hat und damit der Raum für die Lagen zu knapp geworden ist. Die losen Lagen sind in der Folge gegeneinander verschoben, über die Deckelkanten aus dem Einband heraus gegen die intakte Riemenschließe gepreßt und so dem Abrieb bzw. mechanischer Beschädigung ausgesetzt. Im gegenwärtigen Zustand ist die aus einzelnen, nicht verbundenen Lagen bestehende Handschrift nicht benützbar.