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Signatur: Clm 14436
Sammelhandschrift mit Texten zu verschiendenen artes
 
Handschrift, 11. Jh., Schreiber: Hartwic
 
Herkunft: Säkularisationsgut, ursprünglich Teil der Bibliothek des Klosters St. Emmeram in Regensburg, seit 1811 im Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek 
 
Buchpatin: Else Zeltner, München
 
Die Handschrift:
Die Handschrift, die vier ursprünglich eigenständige, Ende des 10. und Anfang des 11. Jahrhunderts geschriebene Texte zu einer Art Lehrbuch der artes liberales zusammenfaßt, ist ein wichtiges Dokument der Wissenschaftsgeschichte. Sie spiegelt das Studienprogramm der französichen Schulen jener Zeit, insbesondere das der hochberühmten Schule von Chartres unter Bischof Fulbert. Hartwic, ein Mönch des Klosters St. Emmeram in Regensburg, vielleicht identisch mit dem späteren Abt gleichen Namens, hat zu Fulberts Zeiten dort studiert und bei seiner Rückkehr mehrere, zum Teil selbstgeschriebene Handschriften mit in sein Heimatkloster gebracht. Ein beträchtlicher Teil des vorliegenden Sammelbandes stammt von seiner Hand.

Die Texte behandeln verschiedene der artes, vor allem die Rhetorik. Nur einige Beispiele aus dem Inhalt: Rhetorica ad Herrennium, die älteste lateinische Darstellung der Redekunst; der Kommentar des Macrobius (frühes 5. Jh.) zu Ciceros Somnium Scipionis, Auszüge aus der Historia naturalis von Plinius d. Ä. und schließlich der Kommentar des Boethius (475/80-524) zur Isagoge des Porphyrius. Verschiedentlich sind sie durch Zeichnungen illustriert. Plinius' Ausführungen über die Planeten und ihre Bewegungen beispielsweise ist auf fol. 60v ein Diagramm beigegeben. Auch die Abhandlung über die Darstellung von Zahlen mit Hilfe der Finger ist von Zeichnungen begleitet. Beachtenswert ist der Bücherkatalog auf fol. 61v, der von allem Klassiker und Klassikerkommentare aufführt. Welche Bibliothek er vorstellt, wissen wir nicht. Die Übereinstimmung mit dem Bestand der Dombibliothek Bamberg hat zu der Annahme geführt, daß er Bücher dieser Bibliothek aufliste. Die Entstehungsgeschichte der Handschrift allerdings läßt eher an eine französische Bibliothek, Reims oder Chartres, denken.

Bedeutsam für die Geschichte des Klosters St. Emmeram ist die von Hartwic in Verse gesetzte Vita des Hl. Emmeram auf fol. 118v/119r. Es handelt sich dabei um die erste Emmeramsvita, die von einem Angehörigen des Klosters verfaßt wurde.
 
Einband:
Ungewöhnliche Einbandgestaltung: Holzdeckelband, zu einem Viertel mit weißem Schweinsleder, im übrigen mit Marmorpapier bezogen. Petrolfarbener Sprengschnitt. Der Einband ist jünger als die Handschrift. Offensichtlich wurde der Codex zu einem späteren Zeitpunkt (frühes 18. Jh.?) mit zum Teil wiederverwendeten Materialien neu gebunden. Die Kanten der ingesamt gut erhaltenen Buchenholzdeckel sind an drei Seiten nach innen, die Falzkante an der Außenseite facettiert. Ecken und Kanten sind leicht abgestoßen. Der Rücken ist mit weißem Schweinsleder bezogen und als fester Rücken über erhabene Bünde gearbeitet. Zur Verzierung ist auf das Leder, das auf die Deckel greift, eine florale Rolle flankiert von Linienpaaren blind aufgeprägt. Die Kontur der Bünde ist mit Linienpaaren nachgezogen. Am Übergang von den Bünden zum Deckel ein kleiner Blütenstempel. Das Bezugsleder leicht verschmutzt, an den Bünden stark berieben und in den Bundfeldern eingerissen. Spuren von Anobienbefall. Auf dem Buchrücken im ersten Rückenfeld ein handschriftliches Titelschild, im zweiten ein aktuelles Signaturschild, im vierten ein Schild mit der vermutlichen Aufschrift E.LLX, vielleicht die Signatur der Bibliothek des Klosters St. Emmeram. Die Schilder durch die Bewegung des Rückens zum Teil gebrochen und an diesen Stellen lose. Die Deckel sind mit Kamm-Marmorpapier in roten, blauen und braunen Tönen bezogen. Das Papier ist in der Fläche und an den Kanten stark berieben. In der Mitte der Vorderkante eine rechteckige, intakte Riemenschließe aus Messing. Der haltende Teil ist mit dem Ausschnitt eines Spruchbandes verziert, der greifende mit einem Muster aus Punkten und Linien. Die beiden in Dekor und Breite sehr unterschiedlichen Teile gehören offensichtlich nicht zusammen. Rostspuren am oberen Rand des letzten Blattes deuten darauf hin, daß der ursprüngliche Einband eine Öse zur Befestigung des Codex an einer Kette trug.
 
Heftung und Hinterklebung:
Einfache Rundbogenheftung auf drei erhabene Hanfbünde aus je zwei umwickelten Hanfkordeln. Die Bundenden aufgefächert und auf der Innenseite der Deckel aufgeklebt. Als Hinterklebung dient dichtes Gewebe, das zwischen den Bünden liegt und auf die Innenseite der Deckel reicht. Bünde und Hinterklebung sind im Falz gerissen, so daß keine Verbindung mehr zwischen Einband und Buchblock besteht.
 
Kapital:
Zweifarbiges, gestochenes Kapital. Träger ist ein Stück weißen, an den Buchrücken geklebten Leders, das seitlich unter die Einschläge des Deckelbezugss läuft. Der schmückende Teil besteht aus weißen und ockerfarbenen Fäden, jede Farbe mit drei Fäden gestochen. Das Kapital selbst ist gut erhalten, der Träger jedoch hat sich vom Rücken gelöst und klebt nur noch am Bezugsleder. Der Träger des unteren Kapitals weist Fraßspuren von Anobien auf und ist am vorderen unteren Falz gerissen.
 
Vorsätze und Buchblock:
Das Vorsatz des Bandes besteht aus einem mitgehefteten Doppelblatt aus Büttenpapier. Es ist im Falz gerissen, die losen Blätter sind an den Rändern stark beschädigt. Der vordere Spiegel ist durch zwei Schnitte beeinträchtigt, am hinteren ist minimaler Wurmfraß festzustellen. Der Buchblock setzt sich aus Pergamentblättern minderer Qualität zusammen. Der Text ist mit brauner Tinte geschrieben, manche Überschriften, Initialen und Zeichnungen mit roter Tinte. Eine Vielzahl von Marginalien und interlinearen Einträgen zeugt von reger Benützung. Auf der letzten Seite ist von späterer Hand das Verzeichnis der in St. Emmeram aufbewahrten Kaiserurkunden eingetragen. worden. Durchgängige Foliierung 1-119. Zwischen mehreren Folien kurze Fälze, die darauf schließen lassen, daß noch vor der Foliierung einige Seiten herausgeschnitten wurden. Dreiseitiger, petrolfarbener Sprengschnitt, der bei der Neubindung des Bandes angebracht wurde. Angeschnittene Marginalien beweisen, daß der Buchblock bei dieser Gelegenheit beschnitten wurde. Der Buchblock ist insgesamt in gutem Zustand, lediglich das erste und das letzte Blatt sowie der obere Schnittbereich sind leicht verschmutzt. An Folio 72-82 Nagespuren. Eine weitere Beeinträchtigung sind die Stempel der Bayerischen Staatsbibliothek auf Folio 1r und 119v.
 
Restaurierungsgrund:
Das Rückenleder weist starke Spuren der Benützung auf und ist durch Wurmfraß zusätzlich geschwächt. Die Verbindung von Buchblock und Einband fehlt. Jedes Aufschlagen des Buches bedeutet eine weitere Gefährdung des Einbands. Der lose Buchblock verschiebt sich bei der Benützung ungehindert und ist mechanischer Beschädigungen ausgesetzt.
 
Notwendige Maßnahmen:
Trockenreinigung und Ergänzungen im Buchblock. Verlängerung der Bünde, Restaurierung der Vorsätze, schließlich Erneuerung der Hinterklebung, um die Verbindung von Buchblock und Decke wiederherzustellen. Das Rückenleder ist mit neuem Leder zu unterlegen und zu stabilisieren.